Besuchte Seiten:


Eine ungewohnte Perspektive auf den Raum Münster nach 1945

Studie von Dr. Stefan Schröder über die „Displaced Persons“


Als „eine Art Geschichtsschreibung, wie wir sie brauchen“ würdigte Prof. Dr. Wilfried Reininghaus die Arbeit des Stadtarchivars Dr. Stefan Schröder.
Sie präsentierten die umfassende Studie der Presse (v.l.): Prof. Dr. Wilfried Reininghaus (1. Vorsitzender der Historischen Kommission für Westfalen), Wolfgang Beckermann (Leiter ZSD der Stadt Greven), Dr. Stefan Schröder, Dr. Dirk Passmann (Verlagsleiter des Aschendorff-Buchverlages), Dr. Anna-Therese Grabkowsky (Geschäftsführerin der Historischen Kommission für Westfalen), Manfred Ellermann (Erster Beigeordneter der Stadt Greven).
Im Rahmen eines Pressegespräches stellte Stadtarchivar Dr. Stefan Schröder im Juni dieses Jahres eine Studie zum Schicksal der Displaced Persons nach Kriegsende 1945 vor. Am Beispiel der Stadt und des ehemaligen Landkreises Münster, mit Seitenblicken auf das Münsterland, Nordrhein-Westfalen sowie die Britische Besatzungszone, wird die Zeit zwischen dem letzten Kriegsjahr 1944/45 und 1951 beschrieben. Nach ihrer Befreiung wurden die ausländischen Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen des NS-Regimes von den alliierten Truppen als Displaced Persons (DPs; "verschleppte Personen") bezeichnet. Überwiegend wurden sie 1945/46 in ihre Heimatländer zurückgeführt. Eine Teilgruppe verblieb aber in Westdeutschland und lebte jahrelang in DP-Lagern, bevor sich ab 1947 mit der Neuansiedlung im westlichen Ausland neue Perspektiven für sie abzeichneten.

In den Jahren nach Kriegsende 1945 befanden sich in Greven, Reckenfeld und Münster mehrere große Lager für Displaced Persons (DPs). So wurden die ausländischen Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter des NS-Regimes von den alliierten Befreiern genannt. Diese Schwerpunkte des Lagerlebens hatten sich aus mehreren Dutzend Lagern entwickelt, die es bei der Befreiung im April 1945 im Raum Münster gab. Die meisten von ihnen waren lange vergessen und werden nun erst wieder in das öffentliche Gedächtnis gerufen.

Diese Erkenntnisse entstammen einer Studie, die das Schicksal der DPs im ehemaligen Landkreis Münster beleuchtet und durch eine Auswertung verschiedenster Dokumente aus in- und ausländischen Archiven einen wesentlichen Beitrag zur Forschung über diesen Aspekt der deutschen Nachkriegsgeschichte leistet. Der Autor Dr. Stefan Schröder ist Historiker und Stadtarchivar in Greven. Sein Buch "Displaced Persons im Landkreis und in der Stadt Münster 1945-1951" (Aschendorff-Verlag Münster) wurde von der Historischen Kommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) herausgegeben und ist im Buchhandel erhältlich.

Das Schicksal der rund 30.000 im ehemaligen Landkreis und in der Stadt Münster befreiten DPs zeigt stellvertretend für die rund 9,5 Millionen im Deutschen Reich befreiten Ausländer das ganze Spektrum alliierter Maßnahmen für diese heterogene Gruppe. Nach schneller, teilweise erzwungener Rückführung ("Repatriierung") in die Heimatländer 1945 blieb eine unerwartet große und ebenso unerwartet der Heimkehr unwillig gegenüberstehende Gruppe von DPs zurück: besonders Polen und Balten, die aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nicht in das nun kommunistisch dominierte Osteuropa zurückkehren wollten.

Mangels Alternativen hatten sich diese DPs längerfristig in ihren Lagern einrichten müssen. Dabei wurden sie für ihre Befreier nach und nach von Opfern des Nationalsozialismus zum "DP-Problem", das immer weniger fürsorgerische Betreuung als vielmehr strenge Maßnahmen erforderte – Arbeitsverpflichtung und Rationenkürzung, in Westfalen auch Überfüllung der Lager und damit einher gehende verschlechterte Lebensumstände.

Doch erst, als politische Lösungen in Form von Auswanderungsofferten hinzu kamen, leerten sich ab 1947 die DP-Lager. Ihre Bewohner ließen sich zur Arbeit in Großbritannien anwerben oder wanderten aus: in die USA, nach Australien oder Kanada. Eine nur noch kleine Gruppe von DPs wurde schließlich 1950 in die Obhut deutscher Verwaltung überstellt und von dieser fortan unter der Bezeichnung "Heimatlose Ausländer" betreut.

Die DP-Lager in Greven und Reckenfeld bestanden aus Siedlungen, die von ihren deutschen Bewohnern geräumt werden mussten und stellen damit einen Sonderfall dar. Für die DPs konnten diese Lager, die einer funktionierenden Kleinstadt ähnelten, schnell zu einer Art Ersatzheimat werden. Gleichzeitig untergruben sie so das alliierte Ziel, alle DPs zu repatriieren.

Die Lager in Münster, ganz typisch in Kasernen eingerichtet, wurden zum Teil auch mit Sonderaufgaben betraut, die Westfalen, Nordrhein-Westfalen, zum Teil auch die gesamte nordwestdeutsche Britische Besatzungszone betrafen. Zudem wurden – typisch für den Behördenstandort Münster – auch verschiedene Verwaltungen für DPs dort angesiedelt. So spielte Münster in den Nachkriegsjahren eine nicht unbedeutende Rolle im Leben Tausender Displaced Persons.

Der Autor:

Dr. Stefan Schröder, geb. 1966, ist Historiker; er leitet das Stadtarchiv in Greven/Westfalen.

Das Stadtarchiv Greven ist wegen der zwei großen DP-Lager in Greven und Reckenfeld – beide ausführlich in Schröders Studie dargestellt – schon seit Anfang der 1990er-Jahre regelmäßig mit Renten-Nachweisfragen für ehemalige Displaced Persons beschäftigt. Da beide DP-Lager in Privathäusern eingerichtet waren, deren deutsche Bewohner ausquartiert wurden, sind die Nachkriegsjahre dort ein besonderer Zeitabschnitt in der Lokalgeschichte.

 

Literaturangabe:

Stefan Schröder: Displaced Persons im Landkreis und in der Stadt Münster 1945-1951. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XXII, Bd. 22. Verlag Aschendorff, Münster 2005, 464 Seiten, Festeinband, 29,- €, ISBN 3-402-06784-6


Letzte Änderung: ()